Kurzbiographie für Neue Deutsche Biographie Nr. N873 (Alfred Neuhaus)


Neuhaus, Alfred Oscar Wilhelm, Mineraloge, Geochemiker, Lagerstättenkundler, * 11.2. 1903 Kiel, 15. 1. 1975 Bonn.

V Friedrich Max Neuhaus, Getränkefabrikant; M Mathilde Becker; 1930 Pauline Sörensen; 1 S, 1T.

N. besuchte die Mittelschule und die Paul-Groth-Oberschule in seiner Geburtsstadt. Von 1922-1927 studierte er an der Universität Kiel Chemie und Mineralogie. 1924 erwarb er das Verbundsexamen, 1927 schloß er sein Studium mit der Promotion zum Dr. phil. ab. Das Thema seiner von Prof. K. Spangenberg betreuten Dissertation lautete "Messungen von geometrischen Verschiebungsgeschwindigkeiten in NaCl und deren Abhängigkeit von Begrenzungsart, Konzentration und Lösungsgenossen". Von 1927 bis 1930 war er als außerplanmäßiger Assistent am Mineralogischen Institut der Universität Kiel beschäftigt und folgte 1930 seinem akademischen Lehrer K. Spangenberg an die Universität Breslau. Er etablierte sich in Breslau auf den Gebieten der Petrographie der metamorphen und magmatischen Gesteine und der Lagerstättenkunde. Unter dem Geologen Prof. Erich Bederke bearbeitete er für seine Habilitation "Die Arsen-Gold-Lagerstätten von Reichenstein in Schlesien" (heute Zloty Stok in Polen). Die Habilitationsverfahren wurde im Dezember 1932 abgeschlossen, die Antrittsvorlesung hielt N. am 11. 1. 1933.

Aufgrund der starken Beeinträchtigung der Forschungsarbeiten in Breslau unter den Nationalsozialisten wechselte N. 1936 als Assistent an das Mineralogische Institut der Bergakademie Freiberg. Im Juni erhielt N. einen Ruf als kommissarischer Leiter auf den neu eingerichteten Lehrstuhl für Mineralogie und Kristallographie am Institut für Kristall- und Gesteinskunde der Techn. Hochschule Darmstadt. Er blieb aber noch bis zum 24. April 1940 in Freiberg als Vertreter des zum Waffendienst eingezogenen Professors für Mineralogie. Wohl aus diesem Grund wurde N. im Juli 1939 zum außerplanmäßigen Professor an der Bergakademie Freiberg ernannt. N selbst nahm von August bis Dezember 1939 am Polenfeldzug teil. Am 1.6.1940 wurde er schließlich in Darmstadt zum planmäßigen Extraordinarius für Mineralogie ernannt. Er baute das dortige Institut unter großen Schwierigkeiten in der Kriegszeit auf, bei der Bombardierung Darmstadts im Jahre 1944 wurde auch das Institut zerstört.

Nach dem 2. Weltkrieg arbeitete N. bis 1951 bei den Leitz-Werken in Wetzlar, wo er ein Kristallzüchtungslabor aufbaute. Trotz der Wiedererrichtung des Institutes in Darmstadt kamen die Arbeiten nicht mehr richtig in Gang und N. folgte bereits 1951 einem Ruf an die Universität Bonn unter Ablehnung eines zweiten Rufes an die TH München. Als Ordinarius für Mineralogie und Direktor des Mineralogisch-Petrologischen Institutes und Museums baute N. ein modernes Institut im Poppelsdorfer Schloß auf. Im Studienjahr 1960/1961 wurde N. zum Dekan der Mathem.-Naturwiss. Fakultät der Universität Bonn gewählt. 1972 erfolgte seine Emeritierung.

Die Arbeiten N.s beschäftigen sich Beginn seiner akad. Laufbahn vor allem mit den physikalisch-chemisch-kristallographischen Eigenschaften und Gesetzmäßigkeiten der kristallisierten Festkörper. Sorgfältiges Arbeiten und experimentelles Geschick zeichneten bereits seine Dissertation aus. In seiner Breslauer Zeit erweckten die Erzlagerstätten in den nahegelegenen schlesischen Bergen sein Interesse für die Geologie und Lagerstättenkunde und so entstanden hier und anschließend in Freiberg zahlreiche Arbeiten auf diesen Gebieten, u.a. seine Habilitationsschrift. In Breslau war N. zudem Miglied einer Arbeitsgruppe, die sich mit der Isolierung, Identifikation und Strukturaufklärung des Follikelhormons und der Hormone des Corpus Luteum beschäftigte.

Während der Zeit in Freiberg erschloß sich N. das neue Arbeitsgebiet der sog. anomalen Mischkristalle von Fluoriden, Chloriden und organischen Substanzen, die ihn auch mit dem Gebiet der Oberflächen- und Epitaxieuntersuchungen an Kristallen in Berührung brachten. N.s Untersuchungen zur Epitaxie wurden vor allem in Darmstadt durchgeführt und dienten der Wegbereitung der modernen Oberflächenbeschichtungstechnologien. Als Institutsleiter in Bonn baute N. die Arbeitsgruppen Hochdruck-Hochtemperatur-Forschung, Kristallzüchtung und -Wachstum, Kristalloberflächen- und Epitaxieforschung sowie Neutronenbeugung auf, an denen er selbst als überragender Forscher mitarbeitete. Im Hochdrucksyntheselabor gelang der Arbeitsgruppe von N. 1965 die erste Synthese von Diamant in Deutschland. N. war insgesamt betrachtet einer der letzten "Universalmineralogen" Deutschlands.- Dr. h.c. (Univ. Berlin 1968); ab 1963 Senator von Rheinl.-Westf., ab 1963 Mitgl. d. Rh.-Westf. Akad. Wissenschaften in Düsseldorf.

W Die Publikationsliste von N. umfaßt rund 140 wiss. Aufsätze in mineralogisch-kristallographischen, chemischen, bergmännischen und ingenieurwiss. Zeitschriften und monographischen Reihen. U.a.

Kugelwachstumsversuche an Steinsalz, Zeitschrift für Kristallographie, 68, 1928; Arsen-Gold-Lagerstätten von Reichenstein, Archiv für Lagerstättenforschung, 56, 1933; Kristallographie v. -Follikelhormonen, Zeitschrift für Kristallographie, 89, 1934; Gastkomponenten in Salmiakmischkristallen, Zeitschrift für Kristallographie, 97, 1937; Orientierte Substanzabscheidung, Fortschritte der Mineralogie, 29/30, 1950/1951; Synthese von Diamanten, Angew. Chemie, 66/69, 1954/1957; Hochdruck-Hochtemperatur-Forschung und ihre geochemisch-petrologischen Aspekte, Freiberger Forschungshefte, C210, 1966; Phasen- u. Materiezustände in tieferen und tiefsten Erdzonen, Geol. Rundschau, 57, 1968; Epitaxy and Corrosion Resistance of Inorganic Protective Layers on Metals, m. M. Gebhardt in: Interface Conversion for Polymer Coatings, edited by P. Weiss & G.D. Cheever, 1969.

L C. Schiffner, Aus dem Leben alter Freiberger Bergstudenten und der Lehrkörper der Bergakademie, 3. Bd., S. 137-138, 1940. Müller, H., Aus dem Leben alter Freib. Bergstudenten u. Dozenten, Ergänzungsband, S. 409-410, 1971. Schreyer, W., in: Sitzungsber. Rh.-Westf. Akad. Wiss., S. 27-29, 1976; G. Will, in: Fortschr. Miner., 54, 1, S. 1-9, 1977.

P Abb. in: C. Schiffner, Aus dem Leben alter Freiberger Bergstudenten und der Lehrkörper der Bergakademie, 3. Bd., S. 138, 1940. Müller, H., Aus dem Leben alter Freib. Bergstudenten u. Dozenten, Ergänzungsband, S. 409, 1971; G. Will, Fortschr. Miner. 54, 1, S. 1, 1977.

Gerhard Lehrberger